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Redebeitrag zur Eröffnung der Ausstellung (A2-Version)
«Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg»
am 7. Februar 2011 in Saarbrücken (Stiftung Demokratie Saarland)
von Karl Rössel (Recherche International e.V./Rheinisches JournalistInnenbüro, Köln) 

Der Weg bis zur Realisierung dieser Ausstellung war lang und führte uns rund um den Globus und in 30 Länder Afrikas, Asiens und Ozeaniens, um Stimmen, Erfahrungen und Meinungen von Menschen aus der sogenannten Dritten Welt zu sammeln und aufzuzeichnen, die zur Befreiung der Welt vom deutschen und italienischen Faschismus und vom japanischen Großmachtwahn beigetragen haben. 

Der Ausgangspunkt dieses Projekts liegt zeitlich fast ein Vierteljahrhundert zurück. Es war Mitte der achtziger Jahre, als wir im Rheinischen Journalistenbüro in Köln, einem Kollektiv freier Journalisten, in dem ich noch heute arbeite, an einem Buch über die Geschichte der Dritte Welt-Bewegung in der Bundesrepublik arbeiteten. 
Nach seinem Erscheinen haben wir es übrigens auch bei einer Veranstaltung der Aktion 3. Welt Saar vorgestellt.
In diesem Buch mit dem Titel «Hoch die internationale Solidarität» haben wir die Konjunkturen der hiesigen Solidaritätsarbeit beschrieben: von der Unterstützung des algerischen Befreiungskampfes in den 1950er Jahren über die Protestbewegungen gegen den Vietnam-Krieg und den Militärputsch in Chile in den 60ern und 70ern, bis zur Unterstützung der Sandinisten und den Kampagnen gegen das südafrikanische Apartheids-Regime in den 1980er Jahren.
Bei den Arbeiten an diesem Buch war uns aufgefallen, dass sämtliche Aktionsformen, die Initiativen hierzulande in Solidarität mit Ländern und Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt nutzten, während des Zweiten Weltkriegs umgekehrt in Ländern der Dritten Welt praktiziert worden waren, um den antifaschistischen Widerstand in Deutschland und Europa zu unterstützen. 
So gab es in den 1930er Jahren in Buenos Aires und Manila Boykottkampagnen gegen deutsche und italienische Waren, so wie später gegen das rassistische Apartheidregime in Südafrika. Der Aufruf «Waffen für El Salvador», mit dem Solidaritätsgruppen hierzulande Sammlungen für die dortige Befreiungsbewegung durchführten, hatte einen Vorläufer in Kuba, wo Arbeiter während des Zweiten Weltkriegs unter dem Motto «Waffen für die Rote Armee» Geld für die antifaschistische Kriegsallianz in Europa sammelten. Und das Vorbild für die Kaffee- und Gesundheitsbrigaden der Nicaragua-Solidarität waren Brigadisten aus Afrika, Asien und Lateinamerika, die in den 1930er Jahren in Spanien mit der Waffe in der Hand gegen den Faschismus kämpften. 
1944 hatten nahezu alle Länder der Dritten Welt, die bereits unabhängig waren, Deutschland den Krieg erklärt und die kriegführenden Mächte hatten zudem all ihre Kolonien in den Krieg mit einbezogen.  
Fakten wie diese erwähnten wir 1985 in die Einleitung unseres Buchs über die hiesige Dritte-Welt-Bewegung, um darauf zu verweisen, dass internationale Solidarität historisch keineswegs nur einseitig vom Norden für den Süden geübt wurde, sondern während des Zweiten Weltkriegs vielerorts umgekehrt praktiziert worden war und oft unter Einsatz ungleich höherer Opfer. 

In diesem Zusammenhang wollten wir auch an die Soldaten aus der Dritten Welt erinnern, die im Zweiten Weltkrieg für unsere Befreiung gekämpft hatten und gestorben sind. Wir hatten als Journalisten schon mehrfach Recherche-Reisen nach Afrika, Asien und Ozeanien unternommen und waren dabei immer wieder Veteranen begegnet, die uns von ihren Kriegserlebnissen erzählt hatten. Auch in afrikanischen Filmen und asiatischen Romanen waren wir auf das Thema gestoßen. 
Als wir jedoch für die Einleitung zu unserem Buch Mitte der 1980er Jahre nachschlagen wollten, wie viele (Kolonial-) Soldaten im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Alliierten gekämpft hatten, fanden wir in der hiesigen Literatur nicht eine einzige zuverlässige Angabe darüber – nicht in der Kölner Universitätsbibliothek und auch nicht in der großen Bibliothek des WDR. 
Selbst die Opfer aus der Dritten Welt kamen in den Statistiken über den Zweiten Weltkriegs in hiesigen Geschichtsbüchern schlichtweg nicht vor.  
In diesen waren stets die sechs Millionen jüdischen Opfer des Holocausts verzeichnet sowie die etwa 20 Millionen Kriegstoten in der Sowjetunion und die ca. 5,5 Millionen in Deutschland. Meist folgten  auch Opferzahlen aus Frankreich, Großbritannien, Italien, den USA und Japan, manchmal bis hin zu den 1.600 Toten in Dänemark. 
Aber über Kriegsopfer in der Dritten Welt fand sich nichts. Diese Ausblendung weiter Teile der Welt aus der Geschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg empfanden wir schon damals als so ungeheuerlich, dass wir uns die vornahmen, den Versuch zu unternehmen, daran etwas zu ändern. 

Ab 1996 haben wir die Recherchen zu diesem Thema systematisiert und bei Reisen nach Afrika, Asien und Ozeanien Interviews mit Zeitzeugen und Historikern geführt, Biographien von Veteranen gesammelt, Dokumentar- und Spielfilme zum Thema, Romane und Sachbücher, Fotos, Archivmaterialien und historische Dokumente.
Dabei zeigte sich schnell, dass die hierzulande vergessene Beteiligung der Dritten Welt am Zweiten Weltkrieg in den betroffenen Ländern selbst sehr präsent und teilweise bereits erstaunlich systematisch aufgearbeitet war. 
So gab und gibt es z.B. in nahezu jeder größeren afrikanischen Stadt ein Haus, in dem sich Veteranen aus den Kolonialarmeen treffen. In den ehemals französischen Kolonien heißen diese Treffpunkte «Maison d’anciens combattants», in den anglophonen Ländern «Veterans-Clubs». 
Am Rande der philippinischen Hauptstadt Manila besuchte ich ein soziales Zentrum für ehemalige Partisanen, die gegen die japanischen Besatzer gekämpft haben. In vielen asiatischen Ländern haben Frauen, die im Zweiten Weltkrieg von der japanischen Armee in deren Militärbordelle verschleppt worden waren, Selbsthilfegruppen gegründet, die in einem internationalen Netzwerk zusammen arbeiten. 
Und in Ozeanien hatten Historiker der Universität des Südpazifiks schon in den achtziger Jahren Oral-History-Konferenzen über Kriegserfahrungen von Insulanern durchgeführt, die in umfangreichen Publikationen in Englisch und Pidgin dokumentiert sind. Allein auf den Inseln Vanuatus hatten einheimische Feldforscher über Jahre hinweg Hunderte von Interviews mit Zeitzeugen über den Zweiten Weltkrieg aufgezeichnet, die auf Kassetten im Archiv des Kulturzentrums in der Inselhauptstadt Port Villa lagern. 
Überall, wo wir recherchierten, trafen wir Zeitzeugen, die uns bereitwillig von ihren Erfahrungen berichteten und uns darum baten, diese endlich auch in den Ländern, die den Krieg verschuldet und geführt hatten, bekannt zu machen.

Wir haben uns bei der Arbeit an diesem Projekt von Anfang an als Übersetzer und Vermittler dieser vergessenen Befreier und Zeitzeugen verstanden. So weit irgend möglich haben wir zudem in den jeweiligen Ländern auch einheimische Historiker zu Rate gezogen. Wir wollten keine Geschichtsschreibung aus weißer, europäischer Sicht, sondern haben z.B. Joseph Ki-Zerbo aus Burkina Faso getroffen, der die erste Geschichte Afrikas aus afrikanischer Sicht geschrieben hatte und der beim Interview in Ouagadougou den Zweiten Weltkrieg als «größten historischen Einschnitt für Afrika seit dem Sklavenhandel» bezeichnete. Sie finden das Zitat in der Afrika-Abteilung der Ausstellung.
In Manila trafen wir Ricardo Trota José von der Universität der Philippinen, der seit Jahren zu den Folgen der japanischen Besatzungszeit forscht und uns das erschreckende Ergebnis mitteilte, dass in seinem Land jeder 16. in diesem Krieg umgekommen ist, insgesamt 1,1 Millionen Menschen. 
In Hongkong führte uns der chinesische Historiker Tim Ko durch ein Museum zu den Folgen des japanischen Einmarschs für die BewohnerInnen der Stadt. Und aus Nanking brachte uns eine befreundete Sinologin Augenzeugenberichte von Überlebenden des Massakers mit, bei dem die japanischen Truppen innerhalb weniger Wochen mehr als 300.000 Chinesinnen und Chinesen abschlachteten. Berichte, die im Rahmen unseres Projekts erstmals ins Deutsche übersetzt wurden.
Das Massaker von Nanking ereignete sich Ende 1937, Anfang 1938, also zu einem Zeitpunkt, als nach hiesiger Lesart der Zweite Weltkrieg noch gar nicht begonnen hatte. Tatsächlich sind viele der historischen Koordinaten, mit denen hierzulande der Zweite Weltkrieg beschrieben wird, fragwürdig, wenn nicht sogar falsch. Dazu gehört auch dessen Terminierung. 
Am 1. September 1939 begann der Krieg lediglich in Europa. Nicht nur in Asien war er zu diesem Zeitpunkt längst im Gange und hatte in China bereits Millionen Tote gefordert. Auch in Afrika herrschte bereits seit dem italienischen Überfall auf Äthiopien im Oktober 1935 Krieg -  ein Krieg, an dem bis zur italienischen Kapitulation im Jahre 1941 Soldaten aus 17 Ländern und drei Kontinenten teilnahmen, der aber wohl deshalb nicht als Weltkrieg firmiert, weil er nicht in Europa stattfand, sondern in Afrika.
Der Hinweis darauf, dass die Bündnispartner Nazideutschlands Italien und Japan – mit ideologischer und materieller Unterstützung aus Deutschland - ihre Eroberungs- und Vernichtungskriege in Afrika und in Asien schon vor 1939 begannen, relativiert die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg im übrigen in keiner Weise, sondern verdeutlicht vielmehr die globale Dimension dieses Krieges, mit dem die faschistischen Achsenmächte weite Teile der Welt erobern und untereinander aufteilen wollten. 

Vor diesem Hintergrund ist die Ignoranz der hiesigen Geschichtsschreibung gegenüber den Kriegsfolgen auf anderen Kontinenten frappierend. Wir dokumentieren sie in dieser Ausstellung anhand einiger prototypischer Beispiele auf Tafeln mit dem Titel «Verdrehte Geschichte». 
So findet sich zum Beispiel in zahlreichen Büchern, mit denen an deutschen Schulen bis heute Geschichte gelehrt wird, der Satz, dass sich der Krieg erst mit dem Angriff der japanischen Luftwaffe auf den US-Stützpunkt Pearl Harbor «zum Weltkrieg ausgeweitet» habe. Der japanische Überfall auf Pearl Harbor war im Dezember 1941. Zu diesem Zeitpunkt herrschte in Asien bereits vier Jahre Krieg, in Afrika sechs Jahre. 
Der prominenteste Fernsehhistoriker der Republik, Guido Knopp, präsentierte im September 2004 einen Dokumentarfilm über «den Krieg im Pazifik», in dem nicht ein einziger Inselbewohner in Wort oder Bild vorkam. In dem Film waren ausschließlich Bilder von japanischen Kamikaze-Fliegern und US-amerikanische Marine-Soldaten zu sehen. Und dazu hieß es im Off-Kommentar, dass die grausamsten Schlachten im Pazifik auf – Zitat – oft «unbewohnten Insel» stattgefunden hätten. Wir haben dieses Zitat in der Ausstellung neben die Tafel über Neuguinea gehängt. Dort lebten damals zwei Millionen Menschen, die sich 1942 mit 1,8 Millionen japanischen, US-amerikanischen und australischen Soldaten konfrontiert sahen. Um ihren Krieg im hohen Gebirge dieser Insel austragen zu können, rekrutierten die alliierten und die japanischen Militärs jeweils 50.000 Einheimische, die als Träger, Kundschafter, Soldaten oder auch lebende Schutzschilde dienen mussten. Tausende von ihnen kamen ums Leben. Die genaue Zahl ist nicht bekannt, weil ihre Toten nicht gezählt wurden. Die Holzkreuze auf ihren Gräbern tragen bis heute die Aufschrift: «Native Boy».
Ähnlich verheerende Folgen wie in Neuguinea hatte der Zweite Weltkrieg für die Bewohner der Salomon-Insel, des Zentralpazifiks und Mikronesiens. In Palau kam ein Drittel der Bewohner in den Kriegsjahren ums Leben, auf Saipan stand danach nahezu kein Haus mehr und jeder Zwölfte Inselbewohner war umgekommen. Dem ZDF war all dies noch 2004 in einer 45-minütigen Dokumentation über den Krieg im Pazifik nicht einen einzigen Satz und nicht ein einziges Bild wert. 

Auch bei den zahlreichen Gedenkveranstaltungen und Fernsehsendungen, die es im letzten Jahr am 8. Mai 2010 «zum 65. Jahrestags des Kriegsendes» gab, fand sich in den Medien nahezu nirgends ein Hinweis darauf, dass dieses Datum nur das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa markierte. Schließlich fielen die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki bekanntlich erst im August 1945, die japanische Kapitulation folgte erst im September und versprengte japanische Einheiten kämpften auf manchen pazifischen Inseln selbst danach noch weiter.
Auch in die Geschichtsbücher Afrikas ist der 8. Mai 1945 keineswegs als «Tag der Befreiung» eingegangen, sondern als Tag des Gedenkens an eines der größten Massaker in der Kolonialgeschichte. Denn die französischen Kolonialherren metzelten am Tag des Kriegsendes in Europa und in den Wochen danach Zehntausende Algerierinnen und Algerier nieder, nur weil diese Freiheit und Unabhängigkeit auch für ihr eigenes Land gefordert hatten, nachdem Zehntausende algerische Soldaten ihr Leben für die Befreiung Europas eingesetzt hatten. 
In Frankreich ist der 8. Mai bis heute ein nationaler Feiertag: In Algerien wird er als «Tag der Trauer» begangen. Aber welches Geschichtsbuch hierzulande erinnert daran? 

Es ist diese historische Ignoranz, die wir mit dieser Ausstellung und unseren Publikationen zum Thema endlich zu durchbrechen versuchen. Schließlich geht es nicht um Marginalien, sondern um ein zentrales, wenn auch verschwiegenes Kapitel der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, um die zweite verdrängte und verleugnete Hälfte der Geschichte dieses Krieges. 
Allein China zum Beispiel hatte im Zweiten Weltkrieg mehr Opfer zu beklagen als Deutschland, Japan und Italien zusammen – nach heutigen Schätzungen etwa 21 Millionen! 
Wenn sich hierzulande die Nachfahren der Täter in Vertriebenenverbänden organisieren und als Opfer zu präsentieren versuchen, dann sei daran erinnert, dass der Vernichtungskrieg des deutschen Bündnispartners Japan allein in China 95 Millionen Vertriebene zur Folge hatte: 95 Millionen Männer, Frauen und Kinder, mehr als die gesamte Bevölkerung Deutschlands. 
Und weitaus mehr Bombenopfer als in Berlin, Dresden oder Köln gab es 1944/45 in der philippinischen Hauptstadt Manila, bei deren Befreiung von der japanischen Besatzung 100.000 Zivilisten ums Leben kamen.

Insgesamt standen im Zweiten Weltkrieg auch mehr Soldaten aus der Dritten Welt an den Kriegsfronten als aus Europa. Der Grund dafür ist, dass weite Teile der Welt damals noch unter Kolonialherrschaft standen und die Mobilmachung der kriegführenden Mächte auch in all ihren Kolonien galt. 
Im Ergebnis stammten von den 11 Millionen Soldaten unter britischem Kommando fünf Millionen aus Kolonien. Allein Indien stellte im Zweiten Weltkrieg 2,5 Millionen Soldaten und damit die größte Kolonialarmee aller Zeiten. Und auch die Streitkräfte des Freien Frankreich bestanden mehrheitlich aus Afrikanern. 
In dem Dokumentarfilm «La France et ses liberateurs» («Frankreich und seine Befreier») des Journalisten Charles Onana aus Kamerun, den die Aktion 3. Welt Saar in Anwesenheit des Regisseurs im letzten September hier in Saarbrücken präsentierte, vertreten prominente ehemalige Kolonialsoldaten, darunter der frühere Generalsekretär der UNESCO, der Senegalese Amadou Mahtar Mbow, die politisch brisante These, dass Frankreich ohne den Einsatz von Hunderttausenden afrikanischen Soldaten nach 1945 nicht zu den Siegermächten gezählt und keinen festen Sitz mit Vetorecht im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen erhalten hätte.
Deutschland verfügte zwar seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr über Kolonien, aber die Eroberung eines riesigen Kolonialreichs in Afrika war auch eines der erklärten Kriegsziele des NS-Regimes, wie meine Kollegin Birgit Morgenrath in ihrem Vortrag am 16. Februar hier in diesem Raum näher erläutern wird. Über die Kollaborationsregierung von Vichy hatte im übrigen auch Nazideutschland bereits ab 1940 Zugriff auf Rohstoffe und Zwangsarbeiter aus den französischen Kolonien von Westafrika bis Indochina.
Größer noch war die militärstrategische Bedeutung der Kolonien für die Kriegsführung der Allierten. Es besteht kein Zweifel, dass die Befreiung der Welt vom deutschen und italienischen Faschismus sowie vom japanischen Größenwahn ohne die militärische, ökonomische und politische Rückendeckung durch die Dritte Welt nicht oder doch zumindest nicht in derselben Zeit hätte errungen werden können.
Trotzdem werden historische Zusammenhänge wie diese im hiesigen Geschichtsdiskurs weitgehend ausgeblendet. Das erklärt die Form dieser Ausstellung. Da die genannten Fakten kaum jemandem bekannt sind und deshalb nur wenig voraus gesetzt werden kann, sind die Texte zu den in dieser Ausstellung präsentierten Fotos unverzichtbar. 
Wer zum Beispiel hat schon einmal von dem Massaker auf der Pazifikinsel Banaba gehört?
Oder von der kriegsbedingten Hungerskatastrophen in Bengalen, bei der 1943/44 mindestens zwei Millionen Menschen, möglicherweise sogar vier Millionen ums Leben kamen? Es war die schlimmste Hungerskatastrophe auf dem indischen Subkontinent seit dem 18. Jahrhundert und doch wird sie in der voluminösen, sechsbändigen Geschichte des Zweiten Weltkriegs von Winston Churchill mit keinem Wort erwähnt. Stattdessen ist zu Beginn seines Kapitels über Indien zu lesen: «Kein Teil der Weltbevölkerung von dieser Größe war so effektiv beschützt vor dem Horror und den Gefahren des Zweiten Weltkriegs wie die Menschen Hindustans», so Churchills Bezeichnung für Indien, «Unsere kleine britische Insel hat sie auf ihren Schultern durch alle Kämpfe getragen.» Auch dieses Zitat können sie in unserer Ausstellung als Beispiel für «verdrehte» Geschichtsschreibung nachlesen.
Auch in Indochina gab es 1945 eine kriegsbedingte Hungersnot, die ein bis zwei Millionen Tote forderte, und die dennoch in nahezu keiner Geschichte des Zweiten Weltkriegs Erwähnung findet.
Wer weiß auch, dass der Krieg im Pazifik nicht erst 1941 in Pearl Harbor begann, sondern schon ein Jahr zuvor mit der Bombardierung der zentralpazifischen Insel Nauru durch die deutsche Kriegsmarine? 
Und wer kennt schon die Indische Legion der Deutschen Wehrmacht und weiß, dass diese 1944 in die Waffen-SS eingegliedert wurde, in Frankreich Jagd auf die Resistance machte und am Atlantikwall auch gegen Landsleute kämpfte, die als Soldaten der Royal Indian Army mit den Alliierten dort landeten?

Fakten wie diese müssen erklärt und können nicht einfach mit Fotos und Bildunterschriften dokumentiert werden, da diese kaum jemand einordnen könnte.  
Allerdings muss niemand alle Texte lesen, damit das Ziel dieser Ausstellung erreicht wird. Jede einzelne Tafel präsentiert eine in sich geschlossene Geschichte und auch wer nur wenige davon liest, wird rasch die Dimension dessen erkennen, was bislang verschwiegen wurde. 
Seit 2009 tourt die Ausstellung in drei unterschiedlich großen Versionen nun schon durch verschiedenen Städte und überall waren die Reaktionen ähnlich. Die Besucherinnen und Besucher zeigten sich verblüfft, ja oftmals geradezu konsterniert über das Ausmaß der historischen Fakten, die Ihnen von der Geschichtsschreibung bislang vorenthalten wurden. 
So war es auch schon den Druckern gegangen, die in Köln die digital bedruckten Alutafeln für die große Version der Ausstellung produziert haben. Die Drucker haben bei der Arbeit sämtliche Texte gelesen und waren davon so erstaunt und bewegt, dass sie uns kleinere flexiblere Versionen in A1- und A2-Formaten zu Sonderkonditionen produziert und eine davon geschenkt haben. Denn sie wollten, dass die hier präsentierten historischen Fakten endlich weitere Bekanntheit erlangten. Es ist diesen Kölner Druckern zu verdanken, dass wir heute hier in Saarbrücken eine kleine Fassung der Ausstellung eröffnen können, während die große Version gerade im historischen Museum in Luzern aufgebaut wird. 
Ein wichtiger Bestandteil der Ausstellung sind die Video- und Hörstationen. Da es uns bei dem gesamten Projekt darum ging und geht, endlich den Stimmen aus anderen Kontinenten hierzulande Gehör zu verschaffen, die im hiesigen Geschichtsdiskurs bislang nicht zhu hören waren, sind die Originaltöne von ZeitzeugInnen aus verschiedenen Kontinenten für uns sehr bedeutsam. Es freut uns deshalb, dass hier in Saarbrücken nach der Eröffnung auch noch die drei Video-Stationen aufgebaut und MP3-Player an BesucherInnen ausgeliehen werden sollen, auf denen die Hörstationen bei einem Rundgang gehört werden können. 
(Originaltöne von ZeitzeugInnen aus vielen Ländern finden sich auch auf unserer Internetseite: www.3www2.de)
Die Videoinstallation «Unsere Befreier», die zum Prolog der Ausstellung gehört und 200 Portraits von (Kolonial-)Soldaten zeigt, die auf Seiten der Alliierten gekämpft haben, ist heute hier bei der Eröffnung sogar ebenso auf der Leinwand im Hintergrund zu sehen.  Und den Kurzfilm «L’ami y a bon» – «Der Freund aus den Kolonien», der ansonsten dauerhaft im Afrika-Kapitel läuft, werden Sie nach meinem Redebeitrag ebenfalls auf großer Leinwand sehen können.)

Um dem eurozentristischen und damit rassistischen Geschichtsdiskurs hierzulande endlich eine globale Perspektive entgegenzusetzen, bedarf es einer Bewusstseinsänderung in unserer Gesellschaft. Dazu leistet die Präsentation der Ausstellung auch in der kleineren Fassung hier in Saarbrücken einen wichtigen Beitrag - nicht zuletzt durch das anspruchsvolle Begleitprogramm mit ausgewählten Filmen und Vorträgen zum Thema. 
Besonders empfehlen kann ich Ihnen die Filmgespräche mit Nataly Han vom Korea-Verband über die Verschleppung Hunderttausender Frauen in die japanischen Militärbordelle, sowie mit Peter Finkelgruen, der im jüdischen Ghetto von Schanghai geboren wurde. Beide waren kürzlich auch bei uns in Köln zu Gast und es waren außerordentlich spannende und bewegende Veranstaltungen. 
Wir hoffen, mit Hilfe der (Wander-)Ausstellung, auch der historischen Forschung und Lehre an Schulen und Universitäten Anregungen zu bieten, sich mit der Rolle der Dritten Welt im Zweiten Weltkrieg zu beschäftigen. Deshalb haben wir die Ergebnisse unserer Recherchen nicht nur in dem Buch «Unsere Opfer zählen nicht» zusammengefasst,  das auch als Katalog zu dieser Ausstellung dient, sondern 2008 auch Unterrichtsmaterialien zum Thema erstellt. Beide Publikationen sind hier am Büchertisch erhältlich und ich habe sie auf Einladung der Aktion 3. Welt Saar schon im April 2009 hier in Saarbrücken in der Galerie im Filmhaus erstmals vorstellen können. 
Damals arbeiteten wir gerade an der Ausstellung und seitdem gab es die Idee, diese irgendwann auch hier in Saarbrücken zu zeigen. Es freut mich sehr, dass dies nun gelungen ist. 
Die drei großen Hauptkapitel der Ausstellung dokumentieren die Rolle Afrikas, Asiens und Ozeaniens im Zweiten Weltkrieg. Ein viertes, kleineres geographisches Kapitel ist Südamerika und der Karibik gewidmet. 
(Mehr dazu wird Ihnen Gert Eisenbürger von der Informationsstelle Lateinamerika am 23. März in seinem Vortrag erzählen können.)
Darüber hinaus gibt es zwei thematische Abschnitte in der Ausstellung: eines über Judenverfolgung außerhalb Europas – von Nordafrika bis ins chinesische Schanghai, das zweite über Nazikollaborateure aus der Dritten Welt. 

Wie unangenehm manchen schon der Verweis darauf ist, dass es in der Dritten Welt im Zweiten Weltkrieg nicht nur antifaschistische Helden und unschuldige Opfer gab, sondern auch Faschisten und Antisemiten, die mit den Achsenmächten bereitwillig kollaborierten und deren Vernichtungskriege aktiv unterstützten, zeigte sich schon bei der Premiere der Ausstellung im September 2009 in Berlin. Vielleicht haben sie von der erregten politischen Debatte, die dort rund um diese Ausstellung geführt wurde, aus den Medien erfahren. 
Obwohl Titel, Konzept und Gliederung der Ausstellung den Berliner Veranstaltern fast ein Jahr lang vorgelegen hatten, ließ uns die Leiterin der Werkstatt der Kulturen in Neukölln, wo die Premiere ursprünglich stattfinden sollte, drei Tage vor dem Aufbau der großen Ausstellung mitteilen, dass sie im Zweifel «per Hausrecht» verhindern werde, dass die Tafeln über arabische Nazikollaborateure dort ausgehängt würden.
Um die Ausstellung unzensiert in Berlin zeigen zu können, mussten wir deshalb kurzfristig in die Uferhallen im Wedding umziehen. Der Zensur-Versuch der Werkstatt-Leiterin Philippa Ebéné löste in Berlin ein breites Medien-Echo aus, hatten prominente Nazikollaborateure z.B. aus Palästina, dem Irak und Indien doch während des Krieges in Berlin residiert – oft übrigens in ehemals jüdischen Häusern. Die arabischen Kollaborateure, allen voran der Palästinenserführer Hadj Amin el Husseini, hatten in der Reichshauptstadt nicht nur bereitwillig für den Propagandaapparat der Nazis gearbeitet, sondern unter ihren Landsleuten sowie unter Muslimen in von Deutschland besetzten Ländern auch Zehntausende Freiwillige für Wehrmacht und Waffen-SS rekrutiert. 
Dass daran ausgerechnet in Berlin nicht mehr erinnert werden sollte, empfand auch die in der Hauptstadt vertretene internationale Presse als Skandal und entsprechend groß war der Medien-Wirbel.
Dadurch erhielt die Ausstellung in Berlin zwar eine unerwartet breite Aufmerksamkeit, aber auf diese Form der Publizität hätten wir gerne verzichtet, weil dadurch andere wichtige Inhalte in den Hintergrund zu geraten drohten. Glücklicherweise spielte die Berliner Auseinandersetzung jedoch in allen weiteren Ausstellungsstädten seitdem keine Rolle mehr. Wer nachlesen will, wie systematisch Nazikollaborateure aus der Dritten Welt in der hiesigen Publizistik und Wissenschaft verteidigt und entschuldigt werden, kann dies in einem Themenschwerpunkt der Zeitschrift iz3w von Mai 2009 tun, die ebenfalls hier am Büchertisch ausliegt. 

Zu den wenigen Historikern hierzulande, die sich kritisch mit arabischen Nazikollaborateuren sowie dem grassierenden Antisemitismus in arabischen Ländern bis heute auseinandersetzen, gehört Martin Cüppers, der am 2. März im Filmhaus hier in Saarbrücken über «deutsch arabische Pläne zur Vernichtung der Juden im Nahen Osten» referieren wird. 

Um allen Missdeutungen vorzubeugen, betone ich auch hier ausdrücklich, dass auf allen Kontinenten zweifellos mehr Menschen gegen Naziterror, Faschismus und japanischen Großmachtwahn gekämpft haben als an der Seite Deutschlands, Italiens und Japans.
Aber es entspricht der historischen Redlichkeit, neben alledem nicht zu verschweigen, dass es in zahlreichen Ländern der Dritten Welt auch faschistische und antisemitische Bewegungen gab sowie internationale Netzwerke, in denen diese zusammen arbeiteten, um den Krieg der Achsenmächte zu unterstützen.
Diese Kollaboration rund um den Globus hat den Krieg zweifellos verlängert und die Folge davon waren Millionen zusätzliche Opfer, die es ohne Kollaboration nicht gegeben hätte. Deshalb gehört auch dieses Thema unabdingbar in diese Ausstellung, die wir im übrigen – wie unsere Publikationen - nicht als Schlusspunkt und Endergebnis, sondern lediglich als bescheidenen Anfang und als Anregung für eine globale Geschichtsschreibung und –forschung zum Zweiten Weltkrieg verstehen. 
Wir hoffen, dass andere zukünftig mithelfen werden, bestehende Leerstellen zu füllen, Oberflächliches zu vertiefen und Allgemeines zu konkretisieren.
Unser Projekt und diese Ausstellung zielen darauf ab, den historischen Diskurs über das zentrale Ereignis des Zwanzigsten Jahrhunderts endlich so zu verändern, dass nicht länger nur Europa, die USA und Japan, sondern auch der Rest der Welt in der Geschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg wahrgenommen werden. Dieses Vorhaben lässt sich nur realisieren, wenn das Thema von der Peripherie ins Zentrum der Debatten gelangt. Dafür brauchen wir Unterstützung, die Unterstützung von vielen. 

In diesem Sinne danke ich allen sehr herzlich, die sich dafür eingesetzt haben, dass diese Ausstellung jetzt auch hier in Saarbrücken zu sehen ist. Dazu gehören die MitarbeiterInnen der Aktion 3. Welt Saar, mit denen mich seit vielen Jahren eine politische Seelenverwandtschaft verbindet und denen das anspruchsvolle Begleitprogramm zu verdanken ist. Stellvertretend für alle geht ein besonderes Dankeschön an Roland Röder, der über die letzten Monate mein Ansprechpartner war. 
Ein weiterer herzlicher Dank geht an die Stiftung Demokratie Saarland, in deren Räumen die Ausstellung nun gezeigt werden kann - hier insbesondere an Christa Reidenbach für die Organisation und an Bernd Rauls für die freundlichen Worte zur Eröffnung. Schließlich danke ich auch Erich Später, der das Ausstellungsprojekt über die Heinrich Böll Stiftung Saar fördert und den ich auch schon im April 2009 bei der ersten Veranstaltung zum Thema hier in Saarbrücken kennen gelernt habe. 
Wer ansonsten noch für die Produktion und Koordination der Ausstellung gefördert hat, entnehmen Sie bitte dem Flyer. Zum Schluss möchte mich auch sehr herzlich bei all denen bedanken, die heute Abend gekommen sind. Bitte helfen Sie auch weiterhin mit, die Ausstellung und damit das Thema in Saarbrücken und darüber hinaus bekannt zu machen.
Wie angekündigt, folgt nun noch der achtminütigen Animationsfilm «L’ami y a bon» des algerischen Regisseurs Rachid Bouchareb, der auch den grandiosen Spielfilm «Indigènes» über vier maghrebinische Kolonialsoldaten im Zweiten Weltkrieg gedreht hat, der am 17. Februar hier im Filmhaus zu sehen sein wird. 
Der Kurzfilm ist an einer Videostation der Ausstellung im Afrika-Kapitel dauerhaft zu sehen und ich lade alle, die es interessiert, dazu ein, mir nach dem Film in die Abteilung der Ausstellung zu folgen, in der es um die Rolle der afrikanischen Kolonialsoldaten aus Afrika geht und auch um das dramatische Ereignis, an das der Kurzfilm erinnert. 

Ich danke Ihnen für Ihre Geduld und Aufmerksamkeit.
[Es gilt das gesprochene Wort.]