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Das Langzeitprojekt „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ 
Von der Internetseite des Rheinischen JournalistInnenbüros, Köln

Von den ersten Recherchen bis zur Realisation des umfassendsten Gemeinschaftsprojekts in der Geschichte des Kollektivs „Rheinisches JournalistInnenbüro“ (RJB) dauerte es zehn Jahre. 1996 entstand die Idee, ein vergessenes Kapitel der (Kolonial-)Geschichte aufzuarbeiten: den Einsatz von Soldaten und Ressourcen aus Ländern der Dritten Welt im Zweiten Weltkrieg. Bei Recherchereisen in Afrika, Asien und Ozeanien waren die Mitglieder des RJB immer wieder auf die Bedeutung dieses Themas gestoßen, das von der hiesigen Geschichtsschreibung weitgehend vergessen und verschwiegen wurde. Auch in Literatur und Filmen aus der Dritten Welt fanden sich zahlreiche Hinweise darauf. Deshalb beschloss das Kollektiv, bei Reisen in Länder der Dritten Welt stets auch Interviews mit ehemaligen Kolonialsoldaten und Zeitzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg zu sammeln sowie historische Dokumente und Bücher, Fotos und Filme. Ansgar Skriver - damals Redakteur des politischen Features im WDR, zwischenzeitlich bedauerlicherweise verstorben – wollte die Ergebnisse dieser Recherchen in einer Feature-Serie präsentieren. Ab 1997 recherchierten Mitglieder des RJB zum Thema in Afrika (Burkina Faso, Elfenbeinküste, Mali, Senegal, Gambia, Ägypten, Äthiopien, Kenia, Südafrika, Namibia, Botswana), in Asien (Südkorea, Hongkong/Macau, Indonesien, Philippinen), in Ozeanien (Hawaii, Französisch-Polynesien, Fidschi-Inseln, West-Samoa, Salomon-Inseln, Vanuatu, Neu-Kaledonien) und in Australien (zum Kriegsdienst von Aborigines).

Im Laufe der Jahre sammelten sich mehr als 100 Stunden Interviews an und ein großer Büroschrank füllte sich mit historischen Materialien aus mehr als 30 Ländern. Sie belegten, dass es sich nicht um einen Nebenaspekt, sondern um ein zentrales Kapitel der neueren Geschichte handelte. Denn tatsächlich haben mehr Soldaten aus der Dritten Welt am Zweiten Weltkrieg teilgenommen als aus Europa und allein in China kamen darin mehr Menschen um als in Deutschland, Italien und Japan zusammen. Ohne die millionenfachen Einsätze von Kolonialsoldaten wäre die Befreiung der Welt vom deutschen und italienischen Faschismus sowie vom japanischen Großmachtwahn ungleich schwerer gewesen. Allerdings gab es in der Dritten Welt nicht nur Opfer, sondern auch Kollaborateure der faschistischen Achsenmächte, die im Krieg an deren Seite kämpften – von Nordafrika und Palästina über den Irak und Indien bis nach Thailand und Indonesien. Auch darauf wollte das RJB im Rahmen dieses Projektes hinweisen. Drei erste Stundenfeatures über Afrika, Asien und Ozeanien liefen schließlich 2004 in Deutschlandfunk, SWR und WDR. Ein Jahr später folgte eine Serie über „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ in SWR 2 Wissen, ergänzt 2008 um eine weitere über Nazi-Kollaborateure aus der Dritten Welt.

Die Fülle des gesammelten Materials ließ sich letztlich nur in einem Buch darstellen, dessen Publikation nur mit Hilfe von Zuschüssen möglich war. Über mehrere Jahre hinweg fanden sich jedoch zunächst keine Geldgeber, obwohl das RJB mehrere Dutzend Stiftungen im In- und Ausland um Unterstützung bat. Erst die Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen war schließlich 2003 bereit, die Erstellung des Buchs „Unsere Opfer zählen nicht“ – Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg (Hamburg/Berlin 2005) zu ermöglichen. Die Resonanz war erfreulich positiv. 24 Kritiker von TV, Rundfunk und Presse kürten es zum „Buch des Monats Juli“ und die AutorInnen des RJB konnten das Thema auf zahlreichen Veranstaltungen vorstellen, so z.B. bei der Jahrestagung der Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) in Hamburg.

Rezensionen des Buchs finden sich hier. 

Mit Hilfe der NRW-Stiftung konnten 2008 auch Unterrichtsmaterialien über „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ herausgegeben werden und das RJB setzte das Projekt mit der Erstellung einer Wanderausstellung weiter fort, die von September 2009 bis mindestens Ende 2013 (bei Interesse auch darüber hinaus), begleitet von Filmen, Referaten und einer Hiphop-Hommage an die vergessenen Kolonialsoldaten, durch verschiedene Städte in Deutschland, der Schweiz und Österreich touren wird.