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Bericht über Schulvortrag PDF Drucken E-Mail

Bericht von Anna-Lena Pallas, Schülerin des Erftgymnasiums in Bergheim, über einen Vortrag von Karl Rössel (recherche international e.V.) über „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ im Rahmen einer Afrika-Projektwoche im September 2017:
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Die Afrika-Woche am Erftgymnasium - Vortrag: Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg
von Anna-Lena Pallas, Geschichte GK Happe Q2
„Unsere Opfer zählen nicht – Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“, lautet der Titel des vom Rheinischen JournalistInnenbüro herausgegebenen Buches, um dessen Inhalt es in einem Vortrag ging, der im Rahmen der Afrika-Woche an unserer Schule stattfand. Der Titel wirft eine ganz offensichtliche Frage auf: Wie, Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg?
Der Stuhlkreis ist um einen Beamer und Herrn Karl Rössel aufgebaut, der diesen Vortrag hält und über zehn Jahre lang mit seinen Kolleginnen und Kollegen an diesem Buch gearbeitet hat. Er zeigt uns Bilder und spielt Interviews von Zeitzeugen aus Ländern vor, von denen keiner der Anwesenden wusste, dass sie tatsächlich im Zweiten Weltkrieg mitgekämpft haben. Was uns die Geschichtsbücher verschweigen: alle Kontinente waren vom Zweiten Weltkrieg betroffen, und das nicht nur als Schauplatz für Schlachten: die Soldaten stammten aus beinahe allen Teilen Afrikas, und es waren auch Inder, Pazifikinsulaner, Araber, Mexikaner, Brasilianer, Aborigines und Maori, von denen viele in einem Krieg, der nicht ihrer war, ihr Leben gelassen haben.
Wir sehen Bilder von Aborigines in ihren Lendenschürzen und mit Bemalungen auf der Haut, denen ein Soldat erklärt, wie man ein Maschinengewehr benutzt und Flugzeuge mit großen Geschossen vom Himmel holt. Es werden uns Fotos gezeigt von dunkelhäutigen Soldaten, die auf riesigen Schiffen nach Europa gebracht werden, nach nicht mal zweiwöchiger Ausbildung, um als Kanonenfutter für die Front benutzt zu werden. Ein Zeitzeuge sagt, sie hätten nicht einmal gewusst, wofür sie überhaupt kämpften, man hätte sie einfach in ihren Dörfern vortreten lassen und ihnen mit Verhaftung und sogar Tod gedroht, wenn sie sich nicht für den Krieg bereitstellten. Die Kolonien wurden aber nicht nur benutzt, um Soldaten zu beschaffen, sie wurden ebenfalls der Rohstoffe beraubt, damit der Krieg weiter geführt werden konnte.
Es ist leise während des Vortrags, niemand redet mit seinem Nachbarn, isst, trinkt oder ist unerlaubter Weise am Handy. Manche Details haben sich fest in unsere Köpfe gebrannt und mir vor allem eins: Nach einem riesigen Massaker auf einer Insel im Pazifik wurden Massengräber gegraben, eines für Weiße und eines für Schwarze. Der Rassismus und der Chauvinismus haben die Menschen so weit gebracht, dass sie Leichen sortiert haben. Und nicht nur das: Man erkannte die kolonialisierten Völker nicht als so intelligent und fortgeschritten wie die weißen Kolonialherren. Man sagte ihnen sogar nach, sie wären weniger schmerzempfindlich und dürften deshalb die gefährlichsten Kriege tief im Dschungel führen.
Wie ignorant die Europäer heutzutage gegenüber den ehemaligen Soldaten aus der Dritten Welt sind, zeigt vor allem die Höhe der Rente und Entschädigung, die sie für ihren jahrelangen Kriegsdienst bekommen, nämlich so gut wie keine. Ein Zeitzeuge aus Afrika bekommt von Frankreich 13€ pro Monat für seinen Dienst im Zweiten Weltkrieg. Und damit ist er einer der wenigen, die überhaupt entschädigt werden. Viele Länder, einschließlich Deutschland, zahlen keinerlei Entschädigung oder Invalidenrente.
Wie stark das Thema "Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" in Europa ignoriert wird, zeigt uns auch die Arbeit, die hinter dem Buch steckt. Über zehn Jahre lang wurde daran auf eigene Kosten gearbeitet, Reisen wurden privat bezahlt. Kein Verlag wollte das Buch drucken, und auch in keinem Schulbuch wurden Informationen über außereuropäische Kriegsschauplätze hinzugefügt mit der Begründung, die Lehrer würden sich sowieso schon beschweren, dass die Geschichtsbücher zu dick seien. Nicht einmal auf Bildern in Schulbüchern kann man Soldaten aus Ländern der Dritten Welt finden, egal ob schwarz oder weiß. Dabei gibt es in den afrikanischen Ländern und auch im Pazifikraum unzählige Materialien, die die Teilnahme dieser Regionen am Zweiten Weltkrieg dokumentieren.
So machten sich die Mitarbeiter des Rheinischen JournalistInnenbüros an die Arbeit und sammelten Zeitzeugen-Interviews, Bilder und weiteres Material, das die Teilnahme der Dritten Welt im Zweiten Weltkrieg zeigt und belegt. Mittlerweile haben die Journalisten kleinere Sponsoren gefunden, ein Schulbuch mit Materialien zum Thema veröffentlicht und eine Ausstellung zusammengestellt, die durch Deutschland reist und die Schülern und anderen Interessierten die Realität des Zweiten Weltkriegs näherbringen soll.
Am Ende des Vortrags folgt ein lauter Applaus von allen Anwesenden sowohl von Lehrern als auch Schülern. Erst mehrere Minuten nach dem Klingeln packen alle ihre Taschen und machen sich auf den Weg nach draußen – jeder von uns mit mehr Vorstellung darüber, wer im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat.