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Presseerklärung vom 24.8.2009 
Zensur in der Werkstatt der Kulturen

Erinnerungen an arabische NS-Kollaborateure und Kriegsverbrecher unerwünscht
Die Ausstellung «Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg» 
findet Asyl in den Uferhallen im Wedding


Vom 1. bis 30. September sollte die Ausstellung «Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg» in der Werkstatt der Kulturen in Berlin-Neukölln ihre Premiere erleben, bevor sie bis Ende 2011 durch zahlreiche weitere Städte touren wird. Als Tag der Eröffnung wurde bewusst der 1. September gewählt, der 70. Jahrestag des Kriegsbeginns in Europa (!), um der gängigen eurozentristischen Sichtweise auf den Zweiten Weltkrieg eine globale Perspektive entgegen zu setzen.

Ein Jahr Vorbereitung torpediert
Die Arbeiten an der umfangreichen, mit Hörstationen und Videoinstallationen gestaltete Ausstellung begannen Anfang 2009. Die Inhalte basieren auf zehnjährigen Recherchen des Rheinischen JournalistInnenbüros (Köln) in 30 Ländern der Dritten Welt, deren Ergebnisse 2005 in einem Buch («Unsere Opfer zählen nicht») und 2008 in Unterrichtsmaterialien publiziert wurden. Wie die Bücher so dokumentiert auch die Ausstellung die Kriegsfolgen in Afrika, Asien, Ozeanien, Südamerika und der Karibik. Erinnert wird an die Millionen vergessenen Kolonialsoldaten, Zwangsarbeiter und Zwangsprostituierten, die von den kriegsführenden (Kolonial-)Mächten ausgebeutet wurden und von denen viele für die Befreiung der Welt vom europäischen Faschismus und vom japanischen Großmachtwahn gestorben sind.

Unterkapitel Kollaboration
Neben diesen Hauptkapiteln thematisiert die Ausstellung auch die Judenverfolgung außerhalb Europas und die Kollaboration mit den faschistischen Achsenmächten in der Dritten Welt. Tatsächlich gab es dort nicht nur Widerstandskämpfer und Opfer, sondern auch überzeugte Faschisten und Sympathisanten der Nazis – auch in arabischen Ländern. In der Ausstellung werden einige prominente Kollaborateure namentlich genannt. Um Pauschalurteilen vorzubeugen, wird unter dem Titel «Arabische Retter» auch auf arabische Antifaschisten hingewiesen, die Juden vor den deutschen Besatzern gerettet haben und es heißt dazu: «In jeder Phase der Judenverfolgung durch Nazis, Vichy und Faschisten in den arabischen Ländern, und überall, wo sie stattfand, gab es auch Araber, die Juden halfen.» 


Ausstellungs-Inhalte lange bekannt
Die Kapitel der Ausstellung standen seit Anfang 2009 fest und wurden im Mai auf einer vorbereitenden Veranstaltung in Berlin detailliert mit genauer Gliederung und Mustern von Ausstellungstafeln vorgestellt - in Anwesenheit der Geschäftsführerin der Werkstatt der Kulturen, Philippa Ebéné. Die Aussteller überreichten ihr bei dieser Gelegenheit auch das von ihnen verfasste Schwerpunktheft der Zeitschrift iz3w zum Thema Kollaboration mit einem ausführlichen Beitrag über den Nahen Osten und dem Hinweis, dass die darin beschriebenen historischen Fakten auch in der Ausstellung präsentiert würden.

Zensur-Ultimatum eine Woche vor der Vernissage
Völlig unerwartet stellte Philippa Ebéné am Freitag, den 21. August (eine Woche vor der Vernissage!), mit Verweis auf ihr «Hausrecht» das Ultimatum, der Ausstellungsteil über arabische NS-Kollaborateure dürfe in der Werkstatt der Kulturen nicht gezeigt werden. Zu diesem Zeitpunkt waren längst Tausende Plakate und Flyer gedruckt, Hunderte Ankündigungen und Pressemitteilungen verschickt und auch die Werkstatt hatte die Ausstellung und das umfangreiche Begleitprogramm dazu auf ihrer Internetseite angekündigt.

Ausstellungs-Asyl im Wedding
Selbst durch das Angebot einer Podiumsdiskussion und das Auslegen kontroverser Texte zum Thema ließ sich Philippa Ebéné nicht von ihrer Haltung abbringen. Da die OrganisatorInnen von Recherche International e.V. die Ausstellung auch in Berlin nur ganz oder gar nicht präsentieren wollten, suchte ihr Berliner Kooperationspartner alternative Räume und fand sie in den Uferhallen im Wedding, wo neben der (unzensierten!) Ausstellung auch das Begleitprogramm dazu stattfinden wird (mit internationalen Gästen, Filmen, Führungen und Vorträgen). 

Ein Skandal, der Konsequenzen fordert
Das Vorgehen von Philippa Ebéné ist ein Skandal. Wir fordern den Trägerverein und die politisch Verantwortlichen dazu auf, Stellung zu nehmen und Recherche International e.V. die durch die Verlegung der Ausstellung entstandenen Kosten zu erstatten.
Recherche International e.V. (Köln)

Veranstaltungsort
Uferhallen
Uferstraße 8-11
13357 Berlin (Wedding)

Zusatzveranstaltung 
Freitag, 18. September, 20.00 Uhr, Uferhallen im Wedding
Nazikollaborateure aus der Dritten Welt und ihre deutschen Apologeten
Am Beispiel des Nahen Ostens – mit historischen Filmaufnahmen
Referent: Karl Rössel (Rheinisches JournalistInnenbüro, Köln)